100 Jahre Diskussion um das „richtige” Waffengesetz

Die Dis­kus­si­on um das „ rich­ti­ge ” Waf­fen­ge­setz ist mitt­ler­wei­le fast ein Jahr­hun­dert alt und auch das Waf­fen­recht schwank­te in die­ser Zeit stets zwi­schen einem libe­ra­len Ver­ständ­nis und einem Total­ver­bot.

100 Jahre Diskussion um das „richtige” Waffengesetz

Waffen für alle bis zum Ersten Weltkrieg[↑]

Detail­lier­te und ein­schnei­den­de Vor­schrif­ten, wie wir sie im der­zeit noch gül­ti­gen Waf­fen­ge­setz oder gar in dem ab dem 1. April gel­ten­den Waf­fen­ge­setz fin­den, waren bis zum Ende des 1. Welt­kriegs nahe­zu unbe­kannt So fin­det sich bei­spiels­wei­se im Straf­ge­setz­buch für die preu­ßi­schen Staa­ten vom 18.04.1851 ledig­lich eine Vor­schrift, nach der es ver­bo­ten war, Stoß- Hieb- und Schuss­waf­fen, wel­che in Stö­cken oder Röh­ren oder in ähn­li­cher Wei­se ver­bor­gen waren, zu ver­trei­ben oder mit­zu­füh­ren. Auch im deut­schen Kai­ser­reich exis­tier­ten neben dem noch heu­te gel­ten­den ver­samm­lungs­recht­li­chen Ver­bot, Waf­fen bei Ver­samm­lun­gen oder öffent­li­chen Umzü­gen zu füh­ren nur Vor­schrif­ten über die Geneh­mi­gung zur Schieß­pul­ver­her­stel­lung und zum Waf­fen­ver­kauf durch fah­ren­de Händ­ler sowie eine Straf­vor­schrift, die eine Erhö­hung des Straf­rah­mens vor­sah, wenn Straf­ta­ten unter Ver­wen­dung von Waf­fen began­gen wur­den.

Entwaffnung nach verlorenem Ersten Weitkrieg[↑]

Ers­te Bestre­bun­gen, den Umgang mit Waf­fen durch ein neu zu schaf­fen des Waf­fen­ge­setz zu regeln, gab es erst zum Ende des 1. Welt­krie­ges mit dem Ende der Kampf­hand­lun­gen im Novem­ber 1918, als die Front­sol­da­ten nicht die sich dahin­zie­hen­den Waf­fen­still­stands­ver­hand­lun­gen abwar­te­ten, son­dern zurück in die Hei­mat zogen und dabei ihre kom­plet­te Aus­rüs­tung mit sich führ­ten. Nicht mehr im akti­ven Dienst befind­lich wur­den die­se Waf­fen ent­we­der ein­ge­la­gert oder
schlicht und ein­fach ver­kauft, so dass neben unzäh­li­gen Pri­vat­per­so­nen auch radi­ka­le poli­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen und para­mi­li­tä­ri­sche Ver­bän­de in Besitz von Kriegs­ge­rät aller Art kamen und damit eine beson­de­re Bedro­hung für den inne­ren Frie­den der ers­ter deut­schen Repu­blik dar­stell­ten. Dle neue Reichs­re­gie­rung unter Fried­rich Ebert reagier­te ent­spre­chend.

Mit der Ver­ord­nung des Rates der Volks­be­auf­trag­ten über die Zurück­füh­rung von Mili­tär­waf­fen in den Besitz des Rei­ches vom 14.12.1918 wur­de der unbe­fug­te Besitz über der­ar­ti­ge Schuss­waf­fen (und auch ande­ren Geräts) unter­sagt und die Ablie­fe­rung aller Mili­tär­waf­fen aus Hee­res­be­stän­den ange­ord­net In der fol­gen­den Ver­ord­nung über den Waf­fen­be­sitz vom 30.01.1919 fan­den sich dann grund­le­gen­de Bestim­mun­gen über den Besitz und das Füh­ren von Schuss­waf­fen. Hier­nach waren der Besitz und das Füh­ren von Schuss­waf­fen bei Stra­fe ver­bo­ten, außer man besaß einen Waf­fen- oder Jagd­schein, im übri­gen muss­ten alle pri­va­ten Schuss­waf­fen abge­lie­fert wer­den.

Wegen gerin­ger Straf­an­dro­hun­gen wur­de die­se Ver­ord­nung in der Bevöl­ke­rung aller­dings kaum befolgt. Dies änder­te sich erst, als die Reichs­re­gie­rung am 07.08.1920 als Fol­ge des mit den Sie­ger­mäch­ten geschlos­se­nen Abkom­mens von Spa das Gesetz über die Ent­waff­nung der Bevöl­ke­rung erließ. Hier­nach waren alle Mili­tär­waf­fen an den neu ernann­ten Reichs­kom­mis­sar für die Ent­waff­nung der Zivil­be­völ­ke­rung abzu­lie­fern; Ver­stö­ße wur­den streng geahn­det. In den dazu ergan­ge­nen Aus­füh­rungs­be­stim­mun­gen wur­de dann detail­liert auf­ge­zählt, wel­che Waf­fen unter die­se Vor­schrift fal­len, wobei auch Revol­ver und Pis­to­len sowie deren wesent­li­che Tei­le auf­ge­führt wur­den. Eine völ­li­ge Ent­waff­nung konn­te jedoch auch hier­mit nicht erreicht wer­den und der Ein­satz von Waf­fen blieb bei den Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen den ver­schie­de­nen poli­ti­schen Lagern der fol­gen­den Jah­re prä­gend.

Gesetzesverschärfungen in den Zwanzigern[↑]

Als dann aber zwei pro­mi­nen­te Poli­ti­ker, Mathi­as Erz­ber­ger und der Reichs­au­ßen­mi­nis­ter Walt­her Rathen­au, das Ziel von Mord­an­schlä­gen wur­den, glaub­te man, das Waf­fen­recht schnellst­mög­lich ver­schär­fen zu müs­sen. So wur­de ein „Gesetz zum Schutz der Repu­blik” erlas­sen, dass am 21.07.1922 in Kraft trat und wonach bestraft wer­den soll­te, wer ein gehei­mes Waf­fen­la­ger unter­hielt, von einem sol­chen wuss­te, oder als Mit­glied einer gehei­men oder staats­feind­li­chen Orga­ni­sa­ti­on unbe­fugt Waf­fen besaß. Zur Abur­tei­lung die­ser Straf­ta­ten wur­de ein beson­de­rer Staats­ge­richts­hof zum Schüt­ze der Repu­blik beim Reichs­ge­richt gebil­det, dem auch Lai­en­bei­sit­zer ange­hö­ren soll­ten, weil man sich nach den Erfah­run­gen der letz­ten Jah­re auf die Repu­blikt­reue der Berufs­rich­ter aller Instan­zen nicht ver­las­sen zu kön­nen glaub­te. Den Erfolg die­ser Rege­lun­gen kön­nen wir heu­te mit dem not­wen­di­gen his­to­ri­schen Abstand alle beur­tei­len, er dürf­te eher als gering ein­zu­schät­zen sein.

Schließ­lich wur­de dann, nach dem Gesetz über Kriegs­ge­rät vom 27.07.1927 als wei­te­re und schließ­lich letz­te Bestim­mung zur Durch­füh­rung des Ver­sail­ler Ver­tra­ges, im Jah­re 1928 das Waf­fen­recht durch das Reichs­ge­setz über Schuss­waf­fen und Muni­ti­on erst­ma­lig ver­ein­heit­licht. Die­ses Reichs­ge­setz über Schuss­waf­fen und Muni­ti­on vom 12.04.1928 bedeu­te­te eine Abkehr von der bis­he­ri­gen Ver­bots­hal­tung, indem das grund­sätz­li­che Ver­bot des Erwerbs von Schuss­waf­fen auf­ge­ho­ben wur­de. Ein Erwerb von Schuss­waf­fen war nun­mehr wie­der mit­tels soge­nann­ter Erwerbs­schei­ne mög­lich.

Die­ses Gesetz weist auch erst­mals die Begrif­fe auf, die bis heu­te unser Waf­fen­recht prä­gen wie etwa die Zuver­läs­sig­keit als Erlaub­nis­vor­aus­set­zung und der Begriff des Bedürf­nis­ses. War ein Bedürf­nis­nach­weis zunächst nur bei Bean­tra­gung eines Waf­fen­scheins, d. h. der Erlaub­nis zum Tra­gen einer Schuss­waf­fe, erfor­der­lich, wur­de mit Not­ver­ord­nung vom 08.12.1931 der Bedürf­nis­nach­weis Vor­aus­set­zung für die Aus­stel­lung eines jeden Waf­fen- oder Muni­ti­ons­er­werb­schei­nes. Hin­ter­grund die­ser Ver­schär­fung war wie­der­um die zuneh­men­de Radi­ka­li­sie­rung der poli­ti­schen Extre­mis­ten und die zuneh­men­de Eska­la­ti­on der poli­ti­schen Stra­ßen­schlach­ten — auch die­ses Mal änder­te die Ver­schär­fung des Waf­fen­rechts hier­an jedoch nichts.

Auch wur­de jetzt durch das Gesetz gegen den Waf­fen­miss­brauch das Füh­ren einer Hieb- oder Stoßwaf­fe außer­halb sei­ner Woh­nung, sei­ner Geschäfts­räu­me oder sei­nes befrie­de­ten Besitz­tums sowie das bewaff­ne­te Erschei­nen mit Ande­ren zu poli­ti­schen Zwe­cken an öffent­li­chen Orten­un­ter Stra­fe gestellt Auch hier waren die Erfol­ge die­ser Geset­zes­ver­schär­fung gering, denn wie­der wur­de nur an den Sym­pto­men, der Benut­zung von Waf­fen, kuriert, nicht aber an den grund­le­gen­den Pro­ble­men.

Radikale Waffengesetzänderungen im und nach dem Zweiten Weltkrieg[↑]

In der Nazi­zeit änder­te sich das Waf­fen­ge­setz wie­der­um radi­kal, nun­mehr wur­de mit dem Gesetz über Schuss­waf­fen und Muni­ti­on vom 12.04.1938 auf die „Wehr­haft­ma­chung des Deut­schen Vol­kes” gezielt Dem­ge­gen­über stand nach dem Zusam­men­bruch 1945 die völ­li­ge Ent­mi­li­ta­ri­sie­rung Deutsch­lands im Vor­der­grund der Poli­tik der Alli­ier­ten Mili­tär­kom­mis­si­on. So wur­den die deut­schen Streit­kräf­te auf­ge­löst und die völ­li­ge Ent­waff­nung auch der Zivil­be­völ­ke­rung ange­ord­net. Selbst der im Neu­auf­bau befind­li­chen deut­schen Poli­zei war das Tra­gen von Schuss­waf­fen unter­sagt.

Die­ses grund­sätz­li­che Ver­bot änder­te sich erst ab 1951 wie­der. So erließ die Bun­des­re­gie­rung am 13.01.1951 eine ers­te Anord­nung, in der fest­ge­stellt wur­de, dass ab dem genann­ten Zeit­punkt das Reichs­waf­fen­ge­setz vom 18.03.1938 wie­der teil­wei­se Gül­tig­keit erhielt und sinn­ge­mäß anzu­wen­den war. Und mit dem Ver­trag zwi­schen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und den drei west­li­chen Sie­ger­mäch­ten vom 26.05.1952 erlang­te das Reichs­waf­fen­ge­setz aus dem Jah­re 1938 wie­der vol­le Geset­zes­kraft. In der Fol­ge­zeit galt die­ses Reichs­waf­fen­ge­setz als Län­der­recht wei­ter und erfuhr in den ein­zel­nen Bun­des­län­dern unter­schied­li­che Ände­run­gen.

Erst 1972 erlang­te der Bund durch eine Grund­ge­setz­än­de­rung wie­der die Gesetz­ge­bungs­kom­pe­tenz für das Waf­fen­recht und ver­kün­de­te dann am 19.09.1972 ein neu­es Waf­fen­ge­setz, das — mit eini­gen Ände­run­gen im Jah­re 1976 und in der Ter­ro­ris­mus­de­bat­te — noch bis zum 31.03.2003 gilt.