Das Sprengstofflager und die immissionsschutzrechtliche Drittanfechtungsklagen

Ein Nach­bar, der siche­re Kennt­nis von der Ertei­lung einer immis­si­ons­schutz­recht­li­chen Geneh­mi­gung erlangt hat oder bei Anwen­dung der erfor­der­li­chen Sorg­falt hät­te erlan­gen müs­sen, ist so zu behan­deln, als sei ihm die Geneh­mi­gung im Zeit­punkt der zuver­läs­si­gen Kennt­nis­er­lan­gung bzw. der Mög­lich­keit hier­zu amt­lich bekannt gege­ben wor­den; von die­sem Zeit­punkt an beträgt die Wider­spruchs­frist regel­mä­ßig in Anleh­nung an die Vor­schrif­ten der §§ 70 und 58 Abs. 2 VwGO ein Jahr1. Erfor­der­lich hier­für ist jedoch, dass sich die Kennt­nis bzw. Mög­lich­keit der Kennt­nis­nah­me nicht ledig­lich auf die Ertei­lung der immis­si­ons­schutz­recht­li­chen Geneh­mi­gung, son­dern auf die Erkenn­bar­keit der spe­zi­fi­schen Risi­ken und Beein­träch­ti­gun­gen für den Nach­barn bezieht.

Das Sprengstofflager und die immissionsschutzrechtliche Drittanfechtungsklagen

Für den Ver­lust des ver­fah­rens­mä­ßi­gen Rechts, Wider­spruch ein­zu­le­gen, ist außer der Untä­tig­keit des Nach­barn kein wei­te­res beson­de­res Umstands­mo­ment auf der Sei­te des Bau­herrn erfor­der­lich; uner­heb­lich ist mit­hin, ob der Bau­herr ein ent­spre­chen­des Ver­trau­en auf den Bestand der Geneh­mi­gung ent­wi­ckelt hat und die­ses schutz­wür­dig ist.

Bei immis­si­ons­schutz­recht­li­chen Dritt­an­fech­tungs­kla­gen ist für die Beur­tei­lung der Sach- und Rechts­la­ge der Zeit­punkt der letz­ten Ver­wal­tungs­ent­schei­dung maß­geb­lich, ohne dass danach zu dif­fe­ren­zie­ren ist, ob etwai­ge Rechts­än­de­run­gen zu Guns­ten oder zu Unguns­ten des Anla­gen­be­trei­bers ein­ge­tre­ten sind. Die für nach­tei­li­ge Ver­än­de­run­gen der Sach- und Rechts­la­ge bei Anfech­tungs­kla­gen gegen Bau­ge­neh­mi­gun­gen ent­wi­ckel­ten Grund­sät­ze kön­nen auf immis­si­ons­schutz­recht­li­che Dritt­an­fech­tungs­kla­gen nicht über­tra­gen wer­den.

Die Geneh­mi­gungs­fä­hig­keit eines selb­stän­di­gen Spreng­stoff­la­gers rich­te­te sich auch unter Gel­tung von § 17 Abs. 1 SprengG in der Fas­sung vom 15.06.20052 nach der all­ge­mei­nen Bestim­mung des § 4 Abs. 1 Satz 1 BIm­SchG, nicht nach den spe­zi­el­le­ren Nor­men des Spreng­stoff­ge­set­zes.

Die Zumut­bar­keit von Immis­sio­nen für die Nach­bar­schaft im Sin­ne von § 5 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BIm­SchG ergibt sich nicht pri­mär aus den tat­säch­li­chen Gege­ben­hei­ten der Umge­bung, son­dern vor allem aus in Fol­ge von pla­nungs­recht­li­chen Vor­ga­ben mög­li­chen Nut­zun­gen; unzu­mut­bar und damit erheb­lich sind die Immis­sio­nen und sons­ti­gen Gefah­ren, die mit den für den Ein­wir­kungs­ort gel­ten­den nach­bar­schüt­zen­den Fest­set­zun­gen des Bebau­ungs­plans unver­ein­bar sind3.

Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 14. Mai 2012 — 10 S 269309

  1. Wei­ter­ent­wick­lung von BVerwG, Urtei­le vom 25.01.1974 — IV C 2.72, BVerw­GE 44, 294; sowie vom 16.05.1991 — 4 C 4.89, NVwZ 1991, 1182 []
  2. BGBl. I S. 1626 []
  3. Anschluss an BVerwG, Urteil vom 12.08.1999 — 4 CN 4.98, BVerw­GE 109, 246 []